Da nun den Menschen eigentlich nichts interessiert als seine
Meinung, so sieht jedermann, der eine Meinung vorträgt, sich rechts
und links nach Hilfsmitteln um, damit er sich und andere bestärken
möge. Des Wahren bedient man sich, solange es brauchbar ist, aber
leidenschaftlich rhetorisch ergreift man das Falsche, sobald man es
für den Augenblick nutzen, damit, als einem Halbargumente, blenden,
als mit einem Lückenbüßer das Zerstückelte scheinbar vereinigen kann.
Dieses zu erfahren, war mir erst ein Ärgernis, dann betrübte ich mich
darüber, und nun macht es mir Schadenfreude: Ich habe mir das Wort
gegeben, ein solches Verfahren niemals wieder aufzudecken.
-- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 870